Eine Schule für Vishwaneedam -von Jana Ulbrich
Anke und Mike Wohne aus Zittau bauen in einer der ärmsten Regionen Indiens eine freie Schule auf. Sie wollen dem Land helfen, das ihr Lebensziel geworden ist. Ein Luxusleben ist das nicht gerade im Dorfe Vishwaneedam an der Ostküste Indiens: Anke und Mike Wohne teilen sich eines der typischen kleinen Lehmhäuser auf dem Lande mit drei indischen Familien – zusammen acht Erwachsene und drei kleine Kinder auf engstem Raum. Ein winziges Acht-Quadratmeter- Zimmerchen und ein Bett mit Moskitonetz haben die beiden Pädagogen aus Zittau für sich allein. Weil kein Platz für einen Schrank ist, leben sie seit ihrer Ankunft vor einem halben Jahr aus dem Rucksack. Eine Dusche gibt es nicht, nur Wasser aus dem Eimer. „Aber immerhin haben wir schon eine Toilette gebaut“, erzählt Mike Wohne und schmunzelt: „Das hier ist schon gewöhnungsbedürftig.“ Ab und zu entfliehen die beiden Mittvierziger deshalb viel zu gern den ärmlichen Verhältnissen auf dem Lande in die Großstadt nach Kalkutta oder Delhi oder an den Strand nach Puri an die Küste des Bundesstaates Orissa. „Dort genießen wir dann die westlich lieb gewonnenen Lebensverhältnisse in vollen Zügen, gehen ins Kino, sitzen im Café und lassen uns richtig guten ,German Bakery‘-Kuchen auf der Zunge zergehen“, erzählen sie. Nur ein richtig gutes Vollkornbrot wie zu Hause, das gebe es leider auch in Indiens Metropolen nicht. Seit 17 Jahren reisen die Wohnes in das große Land der Gegensätze. „Wir sind an fast jedem Ort gewesen, haben uns Sehenswürdigkeiten angesehen, Tempel, Städte, natürlich auch Schulen und traumhafte Landschaften“ erzählt Mike Wohne. Später haben die beiden Pädagogen in Indien gelehrt und
selbst gelernt und sich intensiv mit Kultur, Geschichte, Religion und den Menschen befasst. Nach der Tsunami-Katastrophe 2004 im Indischen Ozean haben sie beim Wiederaufbau in Auroville geholfen.
Diesmal werden sie länger bleiben. Mike Wohne, der als Geschäftsführer des Schkola-Schulträgervereins seit Mitte der 1990er Jahre die freien, grenzüberschreitenden Schkola-Schulen im Dreiländereck aufgebaut hat, hat seinen Job in der Heimat gekündigt. Seine Frau Anke, Lehrerin am Gymnasium in Löbau, hat sich vom Freistaat Sachsen für vorerst zwei Jahre beurlauben lassen. So lange werden sie wohl mindestens brauchen, schätzen die beiden, bis sie ihren Traum verwirklicht haben.
Lernen gegen die Armut
Der Traum der Wohnes, das ist eine Schule für Vishwaneedam. Dort, in einer der ärmsten Regionen im Südosten Indiens kann nur jeder Dritte lesen und schreiben. Es gibt Kinder, vor allem Mädchen, die auf der Straße leben oder in ärmsten Verhältnissen. Kinder, die nicht zur Schule gehen können. Vor allen
denen wollen Wohnes helfen – aber auch diesem Land, das inzwischen ihr Lebensziel geworden ist. Denn die Gegensätze in diesem Land sind krass. Während die großen Städte heute das Flair von Internationalität, Modernität und Wachstum in einem unbeschreiblichen Tempo ausstrahlen, steht das Leben auf dem Lande still. Armut, Hunger und Krankheiten bestimmen das Leben der Menschen dort. „Die einzige Möglichkeit, dem wirksam und nachhaltig entgegen- zuwirken, ist es, gute Schulen in den Dörfern auf dem Land zu gründen“, ist Mike Wohne überzeugt. „Es müssen die besten Schulen Indiens
werden, um Aufmerksamkeit zu erlangen“, sagt der 46-Jährige. Diese Aufgabe sei für ihn ein tiefes inneres Bedürfnis, sagt er. Und nach seinen langjährigen Erfahrungen beim Aufbau der freien Schkola-Schulen beginne alles wieder neu: „Ich merke, dass ich nach 20 Jahren
wieder am Anfang stehe und mich doch nicht im Kreis gedreht habe“, sagt er. Das mache es vielleicht auch so interessant.
Schkola-Schulen als Partner
Die Schkolas im Dreiländereck sind übrigens ein wichtiger Baustein und ein Partner des Projekts. „Mit unserer Erfahrung und dem Wissen der letzten 15 Jahre über moderne und experimentelle Lernformen, Schüleraktivitäten und differenzierten Unterricht können wir hier in Indien viel bewirken“, sagt der
Reformpädagoge. In Vishwaneedam soll es neben der Muttersprache Orya und der Landessprache Hindi ab der ersten Klasse auch Englisch geben. Wohnes könnten sich ein Lehreraustauschprogramm mit den Schkolas vorstellen – und später vielleicht auch einen Austausch von Schülern. Dass sie es eines Tages schaffen, davon sind Wohnes überzeugt. „Schon wegen Anata“, sagt Mike Wohne, „dem guten indischen Freund, der für das Schulprojekt aus der modernen Stadt Bangalore in sein Dorf zurückgekehrt ist, um seiner Heimat zu helfen und das Unmögliche möglich zu machen. „Bis es gelingt, wird noch eine Zeit vergehen, aber schließlich brauchen wir Träume und Visionen“, sagt Mike Wohne. Und er brauche die Unterstützung von vielen Freunden aus der Heimat, fügt er hinzu. Auf der Internetseite der Schkola-Schulen informieren Wohnes regelmäßig über das Projekt. Hier gibt es auch eine Liste der geplanten Investitionen und benötigten Materialien. Finanzielle Hilfe ist besonders jetzt in der Startphase für den Aufbau der Schulgebäude notwendig.
Spenden können über den Schkola Schulträgerverein, der als Schirmherr fungiert, eingezahlt werden.
Spender bekommen eine Spendenbescheinigung.
http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=2436290
19.04.2010 Sächsische Zeitung
21.05.2010