Frau Manske, in Ihrem Institut haben Sie Einzelschicksale, mit denen Sie arbeiten. Ist Integration als Pädagogik für Sie möglich oder werden Kinder nur sozial integriert?
Wichtig ist, dass ein Konzept erforscht wird, das sinnvolles gemeinsames Lernen mit unterschiedlichen Kindern ermöglicht. So lange die Integrationskinder in erster Linie sozial integriert sind und ohne Schulabschluss die Schule verlassen, ist aus Sicht der Kinder die Integration gescheitert. Die Frage ist, ob es wirklich möglich ist, für die Bereiche mathematisches Denken und den Erwerb der Schriftsprache einen Unterricht zu entwickeln, in dem alle Kinder eine Abschlussmöglichkeit haben.
In unsere Schule integrieren wir einen Schüler Marat, der nur einige Laute formuliert. Wie kann es gelingen, dass er zum Beispiel die Schriftsprache erlernt?
Wenn ein Kind Laute spricht, dann haben wir von dem Kind schon den Hinweis bekommen, dass es sprechen möchte sonst wäre es stumm. Das Problem von Marat und Ihnen ist, dass Sie ihn nicht verstehen können. Zuerst sollten Sie den passiven Wortschatz in Erfahrung bringen, d. h. Bildkarten oder Gegenstände, von denen Sie annehmen, dass er dem Wort den Gegenstand zuordnen kann. Sie sagen z.B.: „Marat, gib mir die Banane, den Hund usw..“ Wenn er gezeigt hat, dass er Sie versteht, dann versuchen Sie ein Verständigungssystem zu entwickeln, dass Sie auch verstehen. „Bh“ bedeutet mit der flachen Hand die Lippen berührt, B steht für Banane, wenn er den Laut verstehen kann, A mit Öffnen des Mundes steht für Apfel, gegen die Handfläche hauchen für H…
Das heißt für jeden Laut steht eine Handlung, ein Symbol und wird ein ganzes Wort bezeichnet?
Das ist richtig, denn die kleinste Sinneinheit ist immer das Wort. Darum nennen wir unsere Lesemethode zum Aufbau der Lautsprache und des Lesens die entwicklungsorientierte Lesedidaktik, die von den sinngebundenen Lauten ausgeht.
Was sind sinngebundene Laute?
Kinder lernen die Buchstaben nicht, wenn sie den Buchstaben lautieren. Weil Kinder dann die Beziehung immer wieder vergessen und durcheinander bringen. Es werden dann nur Assoziationen aufgebaut, die dann schnell vergessen werden. In dieser Didaktik geht es darum, stabile funktionelle Systeme aufzubauen, die Verbindungen beider Hemisphären schafft. Verbindung beider Nervenstränge geschieht nur, wenn Erfahrungen auf der rechten Hemisphäre und der linken verarbeitet und bezeichnet werden. Beispiel: Das Kind bläst eine Kerze aus und lautiert „F“, das Kind macht Erfahrungen mit allen Sinnen, die Erfahrung wird über Gebärde –pustet gegen den Finger- ins Körperselbstbild eingetragen, das ist die symbolische Handlung. Außerdem wird diese Erfahrung auf ein Foto aufgenommen, welches das Kind in sein Lernbuch einklebt. Das Bild wird mit dem Buchstaben F beschriftet. Wenn der Buchstabe in der Einheit von Erfahrung, Symbol und Zeichen vermittelt wird, kann er nicht mehr vergessen werden. Ich denke, dass das für Marat eine Methode wäre. Je mehr sinngebende Laute er erkennt, um so besser gelingt es ihm mit Hilfe der Hand, Gebärde seine Zungen- und Lippenbewegungen zu steuern.
Sie behaupteten, dass es keine Sonderpädagogik, keine Heilpädagogik an sich geben sollte, sondern nur eine PÄDAGOGIK. Was steckt dahinter?
Die Entwicklung erfolgt für alle Kinder in gleicher Weise. Alle Kinder müssen die Entwicklung vom Säugling zum Kleinkind, vom Vorschulkind zum Schulkind machen. Das Problem der Kinder, die zurzeit auf einer Entwicklungsstufe stehen bleiben, z. B. die Stufe der Zeichen nicht erreichen, müssen ein Angebot erfahren, gemeinsam mit den Lehrern den krisenhaften Entwicklungssprung vom Vorschulkind zum Schulkind zu machen. Dabei ist es ganz wichtig, dass wir mit dem Kind, welches auf der Stufe des Zeichnens scheitert, alles mit ihm tun dürfen, nur nicht den Zeichengebrauch üben. Ein Kind darf niemals das tun müssen, was es nicht kann. Vielmehr müssen wir mit dem Kind auf die Stufe der Symbolik zurückkehren, um mit ihm seinen inneren Tendenzen entsprechend ihm helfend seine Bedürfnisse bewusst machen. Im Rollenspiel oder wenn es malt. Z.B. für den Mathematikunterricht bedeutet das, dass das Kind nicht Aufgaben rechnet 3 + 4 = 7, die ihm als Ziffer vorgegeben werden, sondern das Kind lernt auf vielfältige Weise ein inneres Bild von der 7 zu machen. Es baut z.B. aus verschieden farbigen Klötzen 3 blaue und 4 rote einen Hund, bindet einen Blumenstrauß aus 5 roten und 2 weißen Rosen. Diese Handlungen werden aufgemalt oder fotografiert. Erst wenn das Kind ein inneres Bild von der 7 hat, wird diese 7 mit der Ziffer verbunden. Wenn jetzt das Kind die Zahl 7 hört, hat es die Möglichkeit dies im Kopf auf vielfältige Weise zu konstruieren wie z.B. die 7 ist 6 und eins, 5 und 2 usw..
Ich habe Sie heute aktiv mit Marat Fußball spielen gesehen. Gaben Sie Ihre Rolle als Lehrerin voll und ganz auf, wie es aussah oder blieben Sie trotzdem Lehrer?
Es ist wichtig, dass Sie ihre Praxis natürlich im Lichte theoretischer Konzepte reflektieren müssen. Und je mehr Sie über die Geschichte der Mathematik, die Geschichte der Entwicklung der Geschichte der Sprache, die Entwicklungspsychologie der Kinder, über Probleme, die Kinder haben, die als Integrationskinder bei Ihnen unterrichtet werden, um so flexibler können Sie den Unterricht gestalten. In dem Augenblick aber, in dem Sie sich den Kindern zuwenden, ist es notwendig alle Erwartungen aufzugeben, weil diese Sie für das Gewahrwerden der Kinder blockieren. Wenn Sie selbstvergessen mit den Kindern spielen, sind in der Jetztzeit, gedankenverloren wie der Volksmund so schön sagt, sind Sie vollständig anwesend für die Bedürfnisse der Kinder. Das sind immer Augenblicke, in denen Sie über sich selbst hinauswachsen, Selbstzugang zu ihren Ressourcen entdecken, von den Sie keine Ahnung hatten. Ich hatte nicht vor, ihm das Fußballspielen beizubringen, ich hatte gar nichts vor, habe nur gesehen, dass er gelacht hat und wollte mit ihm das Lachen teilen.
Ich bedanke mich für das Interview.
21.06.2007